Soziologische Anmerkung zum „Fall Armstrong“

Nachdem Lance Armstrong sich dem Gerichtsverfahren zu den Doping-Vorwürfen entzogen hat, wird viel über den tiefen Fall des siebenmaligen Tour de France-Siegers geschrieben. Dazu eine kurze Anmerkung aus soziologischer Perspektive.

Abweichungen von gesellschaftlichen Normen (z. B. „Du sollst nicht dopen“) werden in der Soziologie mit Begriffen wie Anomie und abweichendem Verhalten beschrieben. Der Anomie-Begriff wurde von Émile Durkheim in die Soziologie eingeführt und mit der Erosion der sozialen Integration in Verbindung gebracht. Robert K. Merton hat Mechanismen beschrieben, wie Anomie entsteht. Er spricht von kulturellen Zielen einer Gesellschaft (z. B. Erfolg, hohe berufliche Position, Wohlstand) und Normen über die Mittel, die angewendet werden dürfen, um diese Ziele zu erreichen (z. B. „ehrliche“ Arbeit). Merton zufolge entsteht Anomie dann, wenn Menschen keinen Weg finden, kulturelle Ziele mit institutionalisierten Mitteln zu erreichen.

Auf den Radsport und speziell den Fall Armstrong übertragen heißt das: Das Ziel „Sieg bei der Tour de France“ ist mit dem legitimen Mittel „sauberer Sport ohne Doping“ nicht erreichbar. Es entsteht anomischer Druck, das gesellschaftlich hoch geachtete Ziel eben mit anderen Mitteln zu erreichen. In Mertons Begriffsschema ist Doping ein Fall von Innovation: Die kulturellen Ziele werden akzeptiert, die legalen Mittel werden durch illegale Mittel ersetzt.

Sympathisch finde ich an dieser Sichtweise, dass man nüchtern beschreiben kann, wann die Übertretung von Normen / Regeln zu erwarten ist (wenn die als legitim erachteten Mittel nicht ausreichen, um ein Ziel zu erreichen) und wann nicht (wenn man z. B. gut mit ehrlicher Arbeit ans Ziel kommen kann). Eine Moralkeule ist aus dieser Perspektive verzichtbar.



Ergänzung: Merton unterscheidet fünf Möglichkeiten im Zusammenspiel zwischen kulturellen Zielen und institutionalisierten Mitteln.

  1. Konformität: Kulturelle Ziele werden akzeptiert; sie können mit legalen Mitteln erreicht werden. Im Radsport hieße das: alle Fahrer sind „sauber“.
  2. Innovation: Siehe oben: kulturelle Ziele werden akzeptiert und mit illegalen Mitteln verfolgt, da die legalen Mittel nicht ausreichen. (Radsport: Doping)
  3. Ritualismus: Kulturelle Ziele werden zwar akzeptiert, die individuellen Ziele werden jedoch so heruntergeschraubt, dass sie mit legalen Mitteln erreicht werden können. Im Radsport hieße das: sauber fahren und hintere Plätze (bzw. nur Teilnahme an zweitklassigen Rennen) in Kauf nehmen
  4. Rückzug: Kulturelle Ziele und legale Mittel werden abgelehnt. Folge: die Betreffenden schließen sich aus. Im Radsport hieße das: Unter diesen Bedingungen keine Teilnahme an Profi-Wettkämpfen.
  5. Rebellion: Aufgabe der kulturellen Ziele und legalen Mittel; Ziel: diese durch neue Ziele und Mittel ersetzen.



2 Gedanken zu „Soziologische Anmerkung zum „Fall Armstrong““

  1. Hallo Stefanolix,

    Zustimmung: innerhalb der Radsportszene ist Doping offenbar voll akzeptiert. Die Verurteilungen von erwischten Kollegen sind bestenfalls halbherzig. Ich denke es hat auch damit zu tun, dass die Unterscheidung zwischen „Doping“ und erlaubten Mitteln wie Nahrungsergänzung etc. bei weitem nicht trennscharf ist. Meines Wissens gibt es keine bessere und brauchbarere Definition für Doping als „Doping ist das, was auf der Dopingliste steht“. Und diese Liste ist wohl immer unvollständig und veraltet. Da wird jemand ausgeschlossen und gebrandmarkt, der sich mit etwas Veraltetem erwischen lässt, während ein anderer Fahrer etwas Wirkungsvolleres Neues nimmt und damit durchkommt.

  2. Die Gesellschaft setzt die Norm: »Radfahrer sollten alle Wettkämpfe ohne Doping bestreiten«. Aus dieser Sicht ist das Verhalten des dopingunterstützten Radfahrers eine Anomie.

    Aber innerhalb der Radsportszene könnte ein gewisses Grund-Doping aufgrund unausgesprochener Vereinbarungen als normal gelten. Nur wer zu viele oder zu starke oder zu alte Mittel nimmt, handelt anomal.

    Die Gesellschaft fordert von den Radfahrern schon lange bestimmte Bekenntnisse, wie z. B. die [geheuchelte] Verurteilung eines erwischten Kollegen. Aber sie hat jahrzehntelang stillschweigend geduldet, dass die Radsportszene selbst definiert hat, wie sich ein Sportler zu verhalten hat.

    Ich bin sicher: Wenn man selbst ein Teil dieses Systems wäre, würde man ein gewisses Niveau des Dopings als so normal ansehen, wie Mate oder grünen Tee oder Kaffee beim Programmieren.

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