Informationen visualisieren: Edward Tuftes Klassiker „Envisioning Information“

Edward Tufte bei einer Präsentation in Dallas 2015
Edward Tufte bei einer Präsentation in Dallas 2015
Edward Tufte bei einer Präsentation in Dallas 2015

Wer sich mit Daten-Visualisierung beschäftigt, stößt früher oder später auf den Namen Edward Tufte. Der US-amerikanische Informations-wissenschaftler und Grafikdesigner hat einige Klassiker veröffentlicht, u. a. Visual Display of Quantitative Information und Beautiful Evidence. Hier möchte ich mich mit Envisioning Information* beschäftigen, das mir kürzlich geschenkt wurde.

Envisioning Information: Worum geht es Edward Tufte?

Envisioning Information, das bereits 1990 erschien, ist ein sehr sorgfältig zusammengestelltes Werk. Tufte hat dafür zahlreiche Visualisierungsbeispiele gesammelt, die aus sieben (!) Jahrhunderten und 17 Ländern sowie aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen stammen. Nicht nur das – einige der Beispiele wurden für das Buch neu gezeichnet; zum Teil stellte er dem Original seinen Vorschlag einer alternativen Darstellung gegenüber.

Auch dem Text merkt man die Sorgfalt auf eine sehr angenehme Weise an: Jedes Wort ist wohl abgewogen; unnütze Abschweifungen fehlen, Tufte kommt immer auf den Punkt. Wer das Englische mag, wird die feine, präzise Sprache zu schätzen wissen.

Das Werk ist in sechs Kapitel eingeteilt:

  • Escaping Flatland
    frei übersetzt: Grafische Möglichkeiten, dem „Flachland“ des Papiers / Bildschirms zu entkommen;
  • Micro/Macro Readings
    Visualisierungen, die sowohl eine große Detailgenauigkeit aufweisen als auch in der Lage sind, Makro-Zusammenhänge sichtbar zu machen;
  • Layering and Separation
    Hier sind auch zahlreiche Tabellen enthalten; ausführlich geht es um „1+1=3“-Effekte: wie visuelle Elemente wie z. B. Gitternetzlinien oder Zwischenräume ungewollte Effekte erzeugen können bzw. von der wichtigen Information ablenken;
  • Small Multiples
    Zusammenstellungen mehrerer kleiner Einzelbilder, die z. B. Vergleiche ermöglichen oder Entwicklungen aufzeigen;


  • Color and Information
    Positive und negative Beispiele, wie Farben Informationsträger sein oder Informationen verschleiern können;
  • Narratives of Space and Time
    Beispiele aus so unterschiedlichen Bereichen wie Tanz (Visualisierung von Bewegungsmustern), Öffentliche Verkehrsmittel (Fahrpläne, Linienpläne) und Astronomie (Galileos Jupiter-Beobachtungen).

Wer sollte Envisioning Information lesen?

Wie schon angedeutet, ist Envisioning Information ein überaus breit angelegtes Werk. Wer nach einem schnellen „Kochrezept“ sucht nach dem Motto: „Wie kann ich ansprechende Grafiken erstellen?“, ist hier falsch. Wer dagegen über den Tellerrand gewohnter Standard-Diagramme hinausschauen möchte, findet hier sehr viel Anschauungsmaterial. Die Lektüre hilft, sich über Seh- und Lesegewohnheiten bewusster zu werden und ein besseres Gefühl dafür zu entwickeln, auf welche Weise Informationen klarer übermittelt werden bzw. welche Darstellungen für Unordnung und Ablenkung sorgen („noise“, „clutter“, „chart junk“).

Was mich besonders beeindruckt hat

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Beispiel, das streng genommen gar keine Grafik enthält, sondern eine sehr lange, klein gedruckte, detaillierte Tabelle mit schier endlosen Zahlenkolonnen. Es ging um eine Krankenhausrechnung. Dieses an sich sehr trockene Material wurde mit Textblöcken am Rand ergänzt: Darin wurde die Geschichte einer Patientin erzählt, die in sehr kritischem Zustand in eine Intensivstation eingeliefert wurde und knapp vier Wochen später verstarb. Die Textblöcke, die einzelne Rechnungspositionen erläutern, erzählen vom intensiven Einsatz sogenannter halfway technology: Dialysemaschinen und Beatmungsgeräte können das Leben verlängern, ohne die zugrunde liegende Krankheit zu heilen. Eine Vielzahl von Tests lieferten medizinische Details des Sterbeprozesses. So liefen über Wochen horrende Kosten auf, ohne dass eine realistische Aussicht bestand, die Patientin zu heilen. Einige Zahlen zu Gesundheitskosten und Intensivstationen in den USA schließen die Erzählung ab.

Auch wenn man nicht direkt ein „Kochrezept“ zur Erstellung ansprechender Grafiken enthält, wird doch deutlich, was Tufte an guten Visualisierungen zu schätzen weiß: zum Beispiel gelungene Darstellungen großer Datenmengen, die sowohl Zusammenhänge auf der Makro-Ebene sichtbar machen als auch Details freilegen (Beispiele sind über das ganze Buch verteilt, nicht nur auf das Kapitel Mico/Macro Readings beschränkt). Simple Grafiken, die z. B. nur Mittelwerte in Form von Balken zeigen, dürften ihm weniger gefallen.

Auf Software zur Erstellung ansprechender Grafiken geht er nicht ein – glücklicher Weise. Denn dann wäre das Werk bei weitem nicht so zeitlos  – über 25 Jahre nach Veröffentlichung wären entsprechende Hinweise heute längst überholt.

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